Grosse Gewaechse
Der Weinberg ist der Geburtsort des Weines.
Im Laufe der Jahrhunderte haben sich in Deutschland wenige, für den Weinbau besonders geeignete Standorte herausgebildet. Dazu gehört besonders die von den VDP-Gütern gepflegte Steillage.
Gerade im Steilhang kann die Wirkung der Sonnenstrahlen voll genutzt werden. Dort entwickelt sich ein optimales wachstums- und reifeförderndes Mikroklima. Es wird oft noch begünstigt durch einen nahen Flusslauf. Schieferplatten und Felsgestein speichern die Sonnenglut des Tages und geben sie nachts nach und nach an die Reben ab.
Viele erstklassige Weinbergslagen sind seit altersher im Besitz der VDP- Güter. Mancher Südhang am Fuße eines Schlosses gehört ebenso dazu wie von Mauern umgebene Weingärten. Mit ihrer mühevollen Arbeit in den Weinbergen leisten die VDP-Winzer einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung einer in Jahrhunderten gewachsenen Kulturlandschaft.Wer so enorme Anstrengungen unternimmt, der verlangt zu Recht einen Schutz für die besten Lagen. Deshalb leistet der VDP mit der Aufstellung einer eigenen Klassifikation der Weinbergslagen in Deutschland Pionierarbeit.
Faktoren für das optimale Geländeklima in Spitzenlagen
* Hangrichtung (z.B. süd-/südwestliche Lagenexposition ohne Windgefährdung),
* Abschirmung (z.B. durch Wald, Bergzüge oder Hecken ohne Abschattung),
* thermische Gunst (z.B. Kaminwirkung geschützter Steilhänge [nach innen gewölbte konkave Hänge]),
ange Sonnenscheindauer, direkte Sonneneinstrahlung,
* keine Kaltluft- oder Windgefährdung,
* günstige Höhenlage über NN,
* Gewässernähe (z.B. Flußtäler; Auswirkung nur relevant bis 50 m landeinwärts; positive Wirkung bzgl. Temperaturausgleich insbesondere in der kalten Jahreshälfte)
Steillagen im VDP
* 81% der Güter bewirtschaften Steillagen
* 49% beträgt der Steillagenanteil im Durchschnitt bei diesen Gütern
* Davon werden 60 % in reiner Handarbeit gepflegt.
Lagen von Weltruf – überwiegend im Alleinbesitz
Fast jedes zweite Gut hat Einzellagen im Alleinbesitz, darunter bekannte Namen wie: Eitelsbacher Karthäuserhofberg, Schloss Johannisberger, Schloss Reinhartshausen, Steinberger, Trittenheimer Leiterchen, Niersteiner Brudersberg, Verrenberger Verrenberg, Wiltinger Hölle, Wiltinger Braune Kupp. Weitere weltbekannte Spitzenlagen wie Würzburger Stein oder Scharzhofberger sind überwiegend im Besitz von VDP-Gütern.
VOM ÖCHSLE ZUM TERROIR
Zwei grundverschiedene Konzepte prägen die Diskussion in der deutschen Weinszene. Wie wird guter Wein definiert?
»Je Zucker desto Spätlese« oder »Auf den Weinberg kommt
es an«?
Öchsle oder Terroir? Die nun schon über 100 Jahre andauernde Öchsle-Diktatur ließ Weinberge zu zuckerproduzierenden Produktionsstätten verkommen. Die Geisteshaltung des Industriezeitalters hat es geschafft, das uralte Kulturgut Wein zu profanisieren: Billigproduktion auf neu angelegten Ackerböden, Verdopplung der Hektarerträge, neumodische Rebsorten, Aromenhefen, Enzyme, Konzentrationsverfahren.
Let’s do it better and cheaper. Winemaking…
Öchsle oder Terroir? Wer Industrieware produziert wird industriell bewertet. Wer kann welchen Geschmack, wo und wie, am billigsten produzieren? Kleinbetriebstrukturen, faire Löhne und Naturbewusstsein haben so keine Chance.
Seit Jahren wird deutscher Wein billiger, manövriert sich die Weinwirtschaft in die Falle. Immer weniger Winzer sind bereit, die Höfe ihrer Eltern zu übernehmen. Gute Lagen fallen brach, und ganze Kulturlandschaften drohen zu verschwinden.
Öchsle oder Terroir? Weinkultur soll vor allem wieder Terroir- und Weinbergskultur werden. Zurück zu den Wurzeln, heißt das Gebot der Stunde. Zurück zu einem Wein als Kulturgut, zurück zu einem Wein, der seiner Region, der seiner Lage Stimme verleiht. Unzählige Weinberge warten darauf, aus ihrem Dornröschenschlaf wachgeküsst zu werden…
Terroir. Die Avantgarde der deutschen Winzer hat sich entschieden: Für die Befreiung des Weins aus der tödlichen Umarmung durch die Geister der Industrialisierung.
Für den Weinberg, für einen einzigartigen, spannenden und authentischen Genuss als Quintessenz aus Boden, Mikroklima, Rebe, Handwerk und Intuition.
So definiert sich heute ganzheitliches Qualitätsdenken über den Begriff Terroir. Mit dieser konsequenten Haltung ist es den Prädikatsweingütern gelungen, die internationale Renaissance deutscher Weine einzuleiten.
Ich freue mich, wenn Sie uns beim Verkosten unserer Weine und dem Studieren dieses Katalogs ein Stück Wegbegleiter dabei sein wollen, und Sie werden sehen: “Auf den Weinberg kommt es an”!
Bei diesen beschrieben Weinbergen handelt es sich um klassifizierte Parzellen einzelner Lagen, aus denen bereits Grosse Gewächse, Erste Gewächse und Erste Lagen erzeugt wurden.
Diese Rahmenbedingungen des Bundesverbandes sind in den einzelnen Regionen teilweise enger gefasst. Bei allen Weinen garantiert der Traubenadler auf der Kapsel einen ökologisch verantwortlichen Weinbau, eine Vinifikation ausschließlich mittels traditioneller Verfahren, regelmäßige Betriebsprüfungen und organoleptische Qualitätskontrollen sowie bestimmte Vermarktungsrichtlinien. Die Begriffe ERSTE LAGE und GROSSES GEWÄCHS sind Eigenmarken des VDP. Das Rheingau ist die einzige Region, in der die Lagenklassifikation gesetzlich geregelt ist. Die Bezeichnung Erstes Gewächs darf auf das Etikett gedruckt werden.
WEINBERG
Die Erfahrungen beteiligter Güter bilden die Grundlage zur Klassifikation herausragender Weinbergslagen.
Es handelt sich dabei um eng eingegrenzte Lagen in denen optimale Wachstumsbedingungen herrschen. Aus diesen klassischen
Ersten Lagen wurden nachweislich über lange Zeit Weine mit nachhaltig hoher Reife erzeugt.
REBSORTEN
Die Weine werden ausschließlich aus regional festgelegten und eng definierten traditionellen Rebsorten erzeugt.
Ahr: Riesling – Spätburgunder – Frühburgunder
Mittelrhein: Riesling
Mosel-Saar-Ruwer: Riesling
Nahe: Riesling
Rheingau: Riesling – Spätburgunder
Rheinhessen: Riesling – Spätburgunder
Franken: Riesling – Silvaner – Weisser Burgunder – Spätburgunder
Saale-Unstrut: Riesling – Silvaner – Weisser Burgunder – Spätburgunder
Sachsen: Riesling – Weisser Burgunder – Spätburgunder
Pfalz: Riesling – Weisser Burgunder – Spätburgunder
Württemberg: Riesling – Spätburgunder – Lemberger
Baden: Riesling – Weisser Burgunder – Grauer Burgunder – Spätburgunder
ERTRAG
Die Erntemenge ist auf einen Ertrag von maximal 50 hl pro Hektar beschränkt.
LESE UND LESEZEITPUNKT
Die Trauben werden selektiv von Hand geerntet. Das natürliche Mostgewicht muss mindestens Spätlesequalität haben.
VINIFIKATION
Die Weine werden ausschließlich mittels traditioneller Produktionsverfahren erzeugt.
ZERTIFIZIERUNG
Neben der üblichen VDP Betriebsprüfung unterliegen die Weine zusätzlicher Kontrolle und Prüfung: Die qualitätsorientierte Arbeit im Weinberg und insbesondere das Ertragsniveau, werden in jedem Weinberg während der gesamten Vegetationsperiode und vor der Lese überwacht. Die Weine werden vor und nach der Abfüllung durch eine Prüfungskommission verkostet.
GESCHMACKSTYPUS
Die trockenen ERSTE LAGE Weine werden als Grosses Gewächs bezeichnet, die edelsüßen Spitzen tragen die traditionellen Prädikate von Spätlese bis Trockenbeerenauslese.
KENNZEICHNUNG
Die Weine werden mit dem Zeichens ERSTE LAGE gekennzeichnet. Die Flaschen tragen die VDP Kapsel mit dem Traubenadler und ein besonderes Etikett auf dem der Wein und das Weingut bezeichnet werden. Die gesetzlichen Angaben befinden sich auf einem gesonderten Etikett.
VERMARKTUNG
Die Vermarktung der Weine erfolgt nicht vor dem ersten September des auf die Ernte folgenden Jahres. Spätburgunder reifen über mindestens 1 Monate im Holzfass und kommen so ein weiteres Jahr später auf den Markt.
SEPTEMBER 2003: DIE „TOUR DE GROSSES GEWÄCHS“ AM ZIEL
Prädikatsweingüter aller Regionaen haben sich dem Klssifikationsstatut für
GROSSE GEWÄCHSE verpflichtet
Chronologie zweier Dekaden – von der Idee bis zur Umsetzung
1984
Rheingau: Die CHARTA-Vereinigung wird gegründet. Ab 1987 nimmt sie die Tradition der Dahlenschen Karte von 1885 wieder auf und klassifiziert für ihre Mitglieder Spitzenlagen des Rheingaus als „von alters her als beste Flächen bekannte Lagen“. Aus diesen Lagen können die Mitglieder nach festgelegten Erzeugungsrichtlinien Weine vinifizieren, die die Bezeich-nung „ERSTES GEWÄCHS nach den Richtlinien der CHARTA“ tragen.
1992
Rheingau: Die ersten Rieslinge werden mit dem Zeichen der drei romanischen Doppel-bögen auf schwarzem Grund auf dem Etikett ausgezeichnet.
1992 – 1998
In der Pfalz und in Rheinhessen bilden sich Klassifizierungsinitiativen
APRIL 1993
STRASSBURGER-MANIFEST, verkündet anlässlich des Gipfeltreffens europäischer Spitzenweingüter von Union des Grands Crus de Bordeaux und VDP. Die Prädikatsweingüter
(Auszug) Wir fordern
o eine Regelung für jede europäische Weinbauregion, auf das Bezeichnungsrecht ihrer Weine Einfluss zu nehmen.
o eine Regelung, die die Sicherung bzw. Einführung von regionalen Ursprungsbe-zeichnungen und Klassifizierungen ermöglicht
o eine Gesetzgebung, die auf die Bedürfnisse der traditionellen Weinbauregionen Rücksicht nimmt
o insbesondere den Respekt vor den unterschiedlichen weinbaulichen Bedingungen und Traditionen Europas. Ungleiches muss ungleich behandelt werden
} Notwendig sind faire Bedingungen für alle Erzeuger, die sich der Qualität und Weinkultur in besonderem Maße verpflichtet wissen.
JULI 1996
Speyer: VDP-MANIFEST Weinkulturerbe für die Zukunft sichern
„Eine Klassifizierung der Weinberge, deren Vorteile andere Weinbauländer längst erkannt haben, sichert unser gemeinsames Kulturerbe für die Zukunft.“
1997
VDP-Nahe beschließt Riesling-Statut
Nur noch Riesling-Weine aus den besten, abgegrenzten Weinbergen werden mit Lagenbe-zeichnung angeboten.
1998
Gründung des Comité ERSTES GEWÄCHS
Weingüter der Regionen Rheingau, Rheinhessen und Pfalz schließen sich zusammen, um gemeinsam den ERSTES GEWÄCHS Gedanken voranzutreiben, Kriterien zu definieren, Weine solcher Art zu erzeugen und in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.
JULI 1998
Bacharach: Einheitliche Klassifikationsgrundsätze für Klassifizierte Gewächse deutscher Herkunft
Die Klassifikation von Herkünften, Gewächsen oder Gütern, je nach regionalen Gegeben- und Besonderheiten, wird zum erklärten Ziel der VDP-Weingüter. Sie soll langfristig wieder-erkennbare Weine höchster Qualität mit einer festen Weinprogrammatik als international vergleichbare “Grand Crus” schaffen; Weine, die durch Herkunft, Rebsorte und Geschmacksbild ein klares, hochklassiges Profil haben.
Kriterien für die Erzeugung klassifizierter Gewächse: Die Herkunft beschränkt sich auf klassifizierte Rebflächen. Bei den Rebsorten kommen nur die traditionellen in Frage wie Riesling und Burgunderarten. Ein maximaler Ertrag ist festzulegen – weit unterhalb der ohnehin niedrigen VDP-Höchsterträge. Die Handlese ist obligatorisch und der Freigabe der Spitzenweine sollen strenge Verkostungen vorausgehen. Diese Mindestanforderungen gelten zusätzlich zu den allgemeinen 30 Kriterien der VDP-Mitgliedschaft.
FRÜHJAHR 1999
Rheingau: Die Gütekarte der Rheingauer Lagen wird präsentiert und die Gütezeichenverordnung „ERSTES GEWÄCHS“ verabschiedet. Mit dem Jahrgang 1999 gibt es erstmals Weine die den Begriff „ERSTES GEWÄCHS“ auf dem Etikett verwenden dürfen
JULI 2001
Castell: VDP verabschiedet verbandsinterne Klassifikation – Mitgliederversammlung einigt sich auf Drei-Stufen-Modell – Eine Kombination der besten Teile der Bordeaux- und Burgund-Klassifizierungen
o In der dritten Stufe der Qualitätspyramide sind die Guts- und Ortsweine angesiedelt.
o Die zweite Stufe der Qualitätspyramide stellen die „Klassifizierten Lagenweine“ dar. Zukünftig verwenden VDP-Güter nur noch Lagennamen, deren Weine eine besondere Lagen- bzw. Herkunfts-Charakteristik aufweist. Jeder Regionalverein klassifiziert diese Lagen privatrechtlich in Eigenverantwortung. 2. Die Weine müssen zusätzliche, qualitative Kriterien erfüllen.
o In der Ersten und höchsten Stufe der Qualitätspyramide finden sich die GROSSEN GEWÄCHSE. Für diese Qualitäts-Spitze werden die Lagen parzellen scharf abgegrenzt und es gelten erneut strengere Erzeugungskriterien.
„Auch in Zukunft bestimmen freiwillige Selbstbeschränkung, handwerkliches Können und das Streben nach Klasse statt Masse unser Handeln und das Qualitätsstreben der Spitzenwein-güter.“
JUNI 2002
Oestringen: VDP-Mitgliederversammlung erreicht historischen Durchbruch beim Klas-sifikationsstatut für GROSSE GEWÄCHSE – Prädikatsweingüter aller Weinregionen Deutschlands einigen sich auf einheitliche Erzeugungsrichtlinien
Nach intensivem Meinungsaustausch werden die Ausführungsbestimmungen für ein überre-gional gültiges, strenges und einheitliches Qualitätsregelwerk verabschiedet. Kernpunkt ist die Festlegung von GROSSEN GEWÄCHSEN als trockener Wein. Die edelsüßen Weine sind den GROSSEN GEWÄCHSEN gleichgestellt. Die Kennzeichnung erfolgt durch ein gemeinsames Logo, geprägt auf der Flasche oder hinter dem Lagennamen hochgestellt, sowie durch die Nennung der Prädikate bei den edelsüßen Gewächsen.
Noch im gleichen Jahr schließen die Mitglieder in den regionalen Comités aus den Regionen Pfalz, Saale-Unstrut und Württemberg Baden, Franken, Mittelrhein, Nahe Rheingau, Rheinhessen die Abgrenzung ihrer Lagen ab und präsentieren bei der Premiere der GROSSEN GEWÄCHSE in Berlin den ersten Jahrgang GROSSER GEWÄCHSE.
MÄRZ 2003
Düsseldorf: Comité „ERSTE LAGE“ verabschiedet regionale Ausführungsbestimmun-gen zum dreistufigen Klassifikations-Statut an Mosel-Saar-Ruwer. Unterschiedliche Terroirs verlangen eigene Konzepte
Das Modell der ‚ERSTEN LAGE’ fügt sich im Bezug auf die strengen Erzeugungskriterien in den 2002 verabschiedeten Klassifikationsrahmen ein. Im Bezug auf den Weinstil beachtet es jedoch die speziellen Terroir-Gegebenheiten und den traditionellen Weinstil an Mosel, Saar und Ruwer. So umfassen Weine unter der Bezeichnung „ERSTE LAGE“ das ganze Spek-trum spannender Interpretationen des Terroirs: gehaltvolle, trockene Qualitätsweine, subtile, leichte Kabinette, fruchtige, elegante Spätlesen und komplexe, edelsüße Auslesen. Beim Klassifikationsmodell ‚ERSTE LAGE’ werden also klare Geschmacksdefinitionen für die ein-zelnen Prädikate festgelegt .
Fazit: Genau wie die Klassifikation in St. Emilion eine andere ist als im Medoc, so verlangen auch die regionalen Unterschiede in Deutschland unterschiedliche Interpretationen der Klas-sifikation. Alle klassifizierenden Regionen nutzen das gemeinsame Logo zur Kennzeichnung der Weine aus der ersten Stufe der Qualitätspyramide.
AUGUST 2003
Ahr adaptiert als letzte Region das Klassifikationsstatut zur Erzeugung GROSSER GEWÄCHSE.
Als letzter Regionalverein im VDP entschließen sich die Prädikatsweingüter an der Ahr, das dreistufige Klassifikationsmodell umzusetzen. Sie klassifizieren 15 Lagen, die fortan nur noch auf dem Etikett erscheinen. Regionaltypisch für die Ahr werden nur Spät- und Frühburgunder mit einem natürlichen Mindestmostgewicht von 90° Oechsle für die Erzeugung GROSSER GEWÄCHSE zugelassen. Im übrigen werden die strengen Richtlinien übernommen.
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AUSGANGSLAGE
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DER WEG DES VDP
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KERNPPUNKTE DER VDP BESCHLÜSSE 2006
AUSGANGSLAGE
Deutschland hat eine lange und erfolgreiche Weinbautradition. Das Weingesetz von 1971 eröffnete jedoch drei Problemfelder, die es den Weinliebhabern im Laufe der Jahre schwer machten, aus ei-nem vielfältigen und unübersichtlichen Angebot, die besten deutschen Weine zu identifizieren.
1) Lagennamen hatten ihre Wertigkeit verloren.
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1971 wurden alle Weinbergsflächen in Deutschland als Qualitätsflächen definiert.
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Tausende von Lagen wurden zusammengefasst (von ca. 30.000 auf 2.658). Der jeweils bekanntere Lagennamen wurde für die zusammengelegten Flächen – ohne Rücksicht auf die unterschiedliche Qualität der Lagenteile – verwandt.
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Großlagen wurden geschaffen, deren Bezeichnungen mit Einzellagennamen verwechselbar sind, und die oft über mehrere Ortschaften hinweg zahlreiche Lagen zusammenfassen. Für den Kunden ist auf dem Etikett der Unterschied zu einer individuellen Einzellage mit eige-nem Terroircharakter nicht erkennbar.
2) Die traditionellen Qualitätsbezeichnungen hatten ihre Qualitätsaussage verloren.
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Die Bezeichnung „naturrein“ wurde abgeschafft.
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Die Kategorie Qualitätswein mit der Möglichkeit der Chaptalisation wurde eingeführt.
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Die Weinmengen, die unter Prädikatsbezeichnungen vermarktet werden konnten, wurden inflationiert, weil nur der Zuckergehalt im Traubensaft über die Qualitätseinstufung entschied
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Der hochwertige traditionelle Begriff Cabinett wurde für die Eingangsstufe der Prädikats-weine verwandt (Kabinett).
3) Die Qualitätsbegriffe wurden nicht mit Geschmackstypizitäten verknüpft
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Neue technische Möglichkeiten in der Weinbereitung begünstigten die Erzeugung restsüßer Weine (z.B. durch Süßreserve), die vormals nur „natürlich“ entstanden.
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Hochwertige, trockene Weine gab es kaum noch.
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Die traditionellen Begriffe wie Spätlese etc wurden für eine Vielzahl von Geschmacks-richtungen verwandt.
DER WEG DES VDP
Seit 1984 gibt es innerhalb der Prädikatsweingüter eine interne Klassifikationsbewegung als Ant-wort auf die vorgenannten Fehlentwicklungen. (s. „Chronologie der VDP-Klassifikation“) In der Satzung von 1990 wurden strenge Prüfkriterien für die Mitgliedschaft im VDP beschlossen, die ei-ner Gutsklassifikation gleichzusetzen ist. Die derzeit auf den Weg gebrachte Lagenklassifikation hat zum Ziel:
Zu 1) Die Wertigkeit der besten Lagen Deutschlands soll durch die Erzeugung von terroirge-prägten Weinen nach strengen Qualitätskriterien restituiert werden.
Zu 2) Der große trockene Wein aus Deutschland soll wieder seinen Stellenwert zurückgewinnen.
Zu 3) Die Prädikatsbegriffe sollen wieder für eindeutige Geschmacksprofile im traditionellen Sinn stehen.
Seit 2001 entwickeln die Prädikatsweingüter schrittweise und im Austausch mit Kunden, dem Markt sowie der weingeneigten Öffentlichkeit ihr privatrechtliches Klassifikationsmodell fort. Na-türlich ist eine optimale Lösung als Antwort auf die Fehlentwicklungen von drei Jahrzehnten nicht in einem Schritt möglich. Zudem sind gesetzliche Rahmenbedingungen zu beachten (Weinbezeich-nungsrecht). Langfristig soll die erfolgreich etablierte Spitze der Klassifikationspyramide VDP ERSTE LAGE eine Weiterentwicklung auch der übrigen VDP-definierten Weinkategorien (klassifizierte Lagenweine / Gutsweine) nach sich ziehen.
KERNPPUNKTE DER BESCHLÜSSE DER VDP-MITGLIEDERVERSAMMLUNG 2006
(Zielvision, die in allen Regionen bis spätestens 2015 umgesetzt sein muss.)
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„VDP ERSTE LAGE“ heißt der einheitliche Oberbegriff in allen Anbaugebieten für alle Weine der obersten Kategorie: Das Logo „Eins mit Traube“ kennzeichnet diese Weine auf dem Etikett und/oder auf der Flasche eingeprägt.
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Dieses Zeichen symbolisiert die Herkunft aus einer der besten Lagen Deutschlands
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Alle Weine, die als VDP ERSTE LAGE bezeichnet werden, werden nach gleichen terroir-orientierten, strengen Kriterien (vgl. VDP-Klassifikationsstatut von 2002) vinifiziert.
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Diese Erzeugungskriterien garantieren eine herausragende Weinqualität
Das Symbol für die höchste deutsche Weinkategorie.
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Die trockenen VDP ERSTE LAGE Weine werden als Grosses Gewächs bezeichnet,
z.B: STEIN Grosses Gewächs
Ab Jahrgang 2006 sind diese Weine gesetzlich trocken, das heißt max 9 g/ltr. Restzucker.
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Die fruchtsüßen VDP ERSTE LAGE Weine werden mit den Prädikaten im traditionellen Sinn gekennzeichnet, z.B. Spätlesen, Auslesen bis hin zur Trockenbeerenauslese. Jede Re-gion definiert für jeden einzelnen Weinberg, welche Geschmackstypen – ggf. auch mehrere – das Terroir optimal interpretieren.
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Die Geschmacksprofile der VDP ERSTE LAGE Weine sind auf dem Etikett deutlich erkennbar.
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Lagen, die zur obersten Kategorie zählen, werden nicht mehr in der zweiten Klassifikati-onsstufe bei den Klassifizierten Lagenweinen verwendet.
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ERSTE LAGEN sind einzigartig.
ERKENNUNGSMERKMALE INNERHALB DER KLASSIFIKATIONSPYRAMIDE DER PRÄDIKATSWEINGÜTER
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Guts- und Ortsweine sind ausgezeichnet mit dem Traubenadler auf jeder Flaschenkapsel
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Klassifizierte Lagenweine tragen zusätzlich einen Lagennamen.
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VDP ERSTE LAGEN sind darüber hinaus mit dem Logo auf Etikett oder Flasche gekenn-zeichnet.
NACHSATZ
Die Prädikatsweingüter verstehen sich als Wegbereiter einer für Verbraucher eindeutigen Kenn-zeichnung von herkunftsgeprägten Spitzenweinen. Die Zustimmung und Auseinandersetzung der Branche mit dem Thema und nicht zuletzt zahlreiche Nachahmer zeigen, dass der Weg in die rich-tige Richtung geht. Die Prädikatsweingüter sind sich bewusst, dass zur Zielerreichung manchmal auch Umwege beschritten werden müssen, vor allem aus weingesetzlichen Gründen, aber auch auf grund der unterschiedlichen regionalen Gegebenheiten.
Ziel aller Bemühungen der Prädikatsweingüter und entscheidend für die Zukunft des deutschen Spitzenweinbaus sind handwerklich gefertigte, kulturbeseelte, terroirgeprägte Weine bei gleichzei-tiger Bewahrung der stilistischen Vielfalt Deutscher Weine. Mit unseren Böden, Mikroklimaten, Rebsorten und dem Engagement unserer Winzer verfügen wir über enorme Ressourcen. Richtig eingesetzt sichern sie die Existenz unserer Weingüter und befriedigen im Konzert der Großen Weine dieser Welt die wachsende Sehnsucht nach authentischem Genuß.
Von Öchsle zum Terroir
Ein oenologisches Manifest
Von Reinhard Löwenstein
Ein Gespenst geht um in der Weinwelt. Sein Name ist Terroir.
Es verunsichert spätlesegewohnte Weintrinker, erschrickt manch’ braven Winzer und erhöht den Blutdruck alteingesessener Politiker und Verbandsfunktionäre.
Weinqualität wird in Deutschland seit gut hundert Jahren über »Öchsle« definiert, über die Menge des während der Reifeperiode in der Traube assimilierten Fruchtzuckers. Je mehr, je besser.
Jeder Weinberg, jede Rebsorte hat so die demokratische Chance, als Spät- oder Auslese in den Olymp des Bezeichnungsrechts aufzusteigen. Und nun formiert sich die Avantgarde der Weinwirtschaft und postuliert das »Terroir«, diffamiert die gesetzlichen Qualitätskriterien und die modernen Methoden der Weinherstellung als Vergewaltigung eines göttlichen Getränkes durch den kalten Zeitgeist der Industrialisierung. Qualität will sie über den geschmacklichen und kulturellen Ausdruck des Weinbergs definieren. Rebsorten und Be-wirtschaftungsformen werden vorgeschrieben, Weinberge klassifiziert.
Ist das nicht Feudalismus durch die Hintertür?
Als die Idee der Öchslegrade Ende des 19. Jahrhunderts erstmals als qualitätsbestimmender Faktor in die deutsche Weingesetzgebung aufgenommen wurde, war es – wie heute – allen Beteiligten klar, daß der liebe Gott beim Verteilen der Qualität an die verschiedenen Weinberge ganz und gar nicht nach populistisch-demokratischen Kriterien vorgegangen war. Dennoch wurde in Deutschland – im Gegensatz etwa zu Frankreich – die seit dem frühen Mittelalter gewachsene Bonitierung von Weinen über an bestimmte Produktionsvorschriften gebundene Herkunftsangaben von einem chemischen Bestandteil des Traubensaftes abgelöst. Dies mag in dem von Wissenschaft und Moderne geprägten Weltbild eines prote-stantischen Preußentums zu suchen sein, ist sicherlich aber ebenfalls Ausdruck der Spezifika des Deutschen Weinmarktes.
In den letzten Dekaden des 19. Jahrhun-derts erlebte er seine »goldenen Jahre«.
Gegen die mit den Auswanderungsströmen aus Amerika eingeschleppten Pilzkrankheiten war mit der »bordelaiser Brühe« ein wirksames Gegenmittel gefunden. Neu entwickelte Maschinen erleichterten in Weinberg und Keller die mühselige Handarbeit und ein modernes Eisenbahnnetz optimierte die Distribution. Dazu ließ der neo-romantische Zeitgeist das deutsche Bürgertum nicht nur von mittelalterlichen Burgen, schroffen Felsen und verführerischer Loreley träumen sondern entsprechend geheimrätlichen Vorbilds vornehmlich die Weine von Rhein und Mosel pokulieren. Deutscher Wein war »mega-in« und in den Spitzenrestaurants der europäischen Metropolen teurer gelistet als die berühmten Châteaux aus Bordeaux. Schmucke Jugendstilvillen und prächtige Kellereigebäude an Rhein und Mosel zeugen heute noch von der wirt-schaftlichen Prosperität dieser Jahre.
Wo Licht, da Schatten. So mancher machte eine schnelle Goldmark mit recht fragwürdigen Methoden. Rosinen aus Griechenland, Billigwein aus Italien, Zuckerwaser… Im Vergleich zu den Praktiken heuti-ger Wein-Frankensteins liest sich dies alles zwar noch recht »natürlich«.
Trotzdem: Viele ehrliche Produzenten sahen sich da-mals mit Recht in ihrer Existenz bedroht und forderten Schutz durch ein neues Weingesetz. 1892 wurde es in seiner ersten Fassung verabschiedet. Die schlimmsten Panschereien wurden verboten und als Kompromiss wurde das »Verbessern« einfacher Konsumweine durch den Zusatz von 25 Prozent Zuckerwasser zum Traubensaft legalisiert. Dies bewirkte neben der Erhöhung des Alkoholgehaltes und der Reduktion der Säure eine profitable Vermehrung des Volumens.
Bei Spitzenweinen wurde jedoch jegliche Manipulation verboten. Sie durften daher als »naturreine« Weine bezeichnet werden. Ein Begriff, der erst mit dem Weingesetz von 1971 abgeschafft wurde und dem sich viele Spitzenproduzenten Deutschlands auch heute noch verpflichtet fühlen. Es ist es nicht verwunderlich, daß heute insbesondere die Mitglieder der »Prädikatsweingüter«, deren Vereinigung aus den um die Jahrhundert-wende gegründeten regionalen Versteigerungsringen für naturreine Weine hervorging, an der Spitze der Terroirbewegung stehen. Und wie vor hundert Jahren definiert sich der altmodische Begriff »naturrein« in der Abgrenzung zu den Geschmacksmanipulationen im Weinkeller.
Die Antwort auf die Frage, ob der Most nun »naturrein« gehalten oder »verbessert« werden sollte, lieferte die Öchslewaage. Die von dem Pforzheimer Optiker Ferdinand Öchsle konstruierte Dichtespindel erwies sich als ein praktisches Meßinstrument für den Zuckergehalt und entwickelte sich langsam zu einem quasi objektives Maß für Weinqualität. Zum großen Durchbruch für die Öchsle kam es aber erst in den Wirtschaftswunderjahren, als der deutsche Weinbau mit Traktoren, Kunstdünger und mit neuen, öchsleträchtigen Klonen und Rebsorten völlig umgekrempelt wurde. Die Anbaufläche wurde verdoppelt, die Erträge vervielfacht und neue Maschinen und Geräte bewirkten eine ungeahnte Produktivität im Weinberg und gänzlich neue Perspektiven im Keller. Es galt ja schließlich auch, der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden, und das nicht nur in der Menge, auch beim Geschmack. Schön »lieblich« sollte er sein, blumig und süffig. Ob diese Entwicklung mehr durch das von verschiedenen Psychologen beschriebene Süßigkeitsdefizit der Kriegsgeneration oder durch die archaische Sehnsucht nach den süßen und reifen Früchten zu erklären ist? Technisch war es jedenfalls erstmalig möglich, im großen Stile Süßweine herzustellen. Während derart »süß gehaltene Weine« in den fünfziger Jahren oft noch von den Landwirtschaftskammern als »nicht Gebietstypisch« abgelehnt wurden, waren sie in den Sechzigern schon die Norm. Ihren Höhepunkt erreichte die »süße Welle“ mit dem Weingesetz von 1971. Der Begriff »naturrein« wurde abgeschafft und durch »Prädikate« ersetzt, die über Öchsle definiert wurden. Kabinett, Spät- oder Auslese, alle heute noch gängigen Bezeichnungen, wurden mit Öchsleschwellen verknüpft.
Selbstverständlich versuchten die Winzer daraufhin, mit möglichst viel Öchsle die profitableren Qualitätsstufen zu erreichen. Der Charakter von Weinberg und Rebsorte, das Alter der Rebstöcke, die Pflanzdichte, die Erntemenge, d.h. Qualitätsfaktoren, die weltweit als entscheidend angesehen werden, wurden in diesem Weingesetz nicht erwähnt. Und in der Praxis traten sie immer mehr in den Hintergrund. Hauptsache Öchsle, Hauptsache Spätlese. Selbst allerdünnste Weinchen wurden als gesetzlich sanktionierter »Qualitätswein« mit klingenden Namen auf dem Weltmarkt mit großem Erfolg abgesetzt. Nicht nur, daß Terroir in der Beurteilung der Weine keine Rolle mehr spielte, bei derartiger weinbaulicher Praxis war es auch ganz einfach nicht mehr zu schmecken.
Die große Ernüchterung dann in den achziger Jahren, als der Weltmarkt für deutschen Wein zusammenbrach und sich auch in Deutschland niemand mehr so richtig für die originalverkorksten Spätlesen begeistern wollte. Die deutsche Weinwirtschaft hatte die Trends in Richtung moderner Eßkultur, ars vivendi und Ökologie ganz einfach verschlafen. Kein Wunder, hatte doch die staatliche Subventionspolitik dafür gesorgt, daß sich die Weinlandschaft als Puzzle tausender Kleinstbetreibe darstellte. Wie in der übrigen Landwirtschaft war die Wirtschaftspolitik längst einer ländlichen Sozialpolitik gewichen. Subventionen mit der übervollen Gießkanne verhinderten die Entwicklung wirtschaftlich sinnvoller Betriebsstrukturen, lieferten aber mit dickeren Schweinen, volleren Kartoffelsäcken und süßeren Weinen einen wichtigen Beitrag in der ideologischen Auseinandersetzung mit der „DDR“.
Den Winzern war damit wenig geholfen. Sie fanden sich ratlos ob der mangelnden Akzeptanz ihrer vermeintlichen Spitzenwei-ne und verteufelten »Brüssel« und den billigen Auslandswein. Aber da die Augen und Ohren der führenden von Weinbaupolitiker und -funktionäre mehr auf edelstahlblinkenden Abfüllanlagen ruhten als auf kulturellen Entwicklungen, war es vorauszusehen, wie die Branche auf die Krise reagieren würde: Anstatt eine ökonomischen und kulturellen Kehrtwende einzuleiten wurde versucht, die alten Strategien und Konzepten zu optimieren: noch mehr Schlagkraft, noch mehr Senkung der Produktionskosten, noch mehr Technik, to make it better and cheaper. Wichtige Innovation in dieser Zeit war die Adaption des Begriffs »Marketing«.
Dies nicht zu »können« gereicht zwar der deut-schen Winzerseele zur Ehre und entspricht den Projektionen Heile-Welt suchender Städter, das Zauberwort entpuppte sich aber in seiner auf den Aspekt »der Wurm muß dem Fisch schmecken« reduzierten Inter-pretation mit zielgruppenorientierten Geschmäckern und Designs als der bis heute anhaltende vermeintliche Hoffnungsträger.
Nicht nur das geänderte Konsumverhalten hatte den Weinmarkt in den 80er und 90er Jahren komplett verändert. Hochmoderne Unterneh-men insbesondere aus Kalifornien und Australien hatten begonnen, als global-players den Ton an zu geben. Sie verjagten nicht nur mit modernem Chardonnay, Sauvignon blanc und diversen abgesofteten Rotweinen die deutschen und französischen Bouteillen aus den Supermarktregalen, sie »befreien« die Welt auch von den letzten verbliebenen Resten des Respekts vor dem Kulturgut Wein. Das Motto »Geschmack ist machbar« begann seinen Siegeszug auch im konservativen Europa.
Verfahren, die seit langem bekannt, aber verpönt waren, wie etwa die öchsleerhöhende Konzentration des Traubensaftes mittels Umkehrosmose und Vakuumverdampfung, wurden nun legalisiert.
Mehr oder weniger geröstete Eichenholzspäne bescheren uns heute Aromen von Vanille bis Schokolade. Und in Gestalt von Enzymen und Hefen füllen die jüngsten Erkenntnisse der Biochemie unzählige hochglanzbedruckte Plastiktüten. Das Aroma von grünen Äpfeln gefällig? Pfirsich, Mango? Oder lieber schwarze Kirschen mit Johannisbeeren?
Die Beipackzettel lesen sich wie ein Horrortrip in die Forschungslabore Frankensteins. Trunken von megadesignten Block-bustern bombardieren die deutschen Apologeten digitaler Weine eingeschüchterte Traditionalisten: Was Australier dürfen und Franzosen schon seit Jahren praktizieren, das wollen wir auch! Ob internationale Weinor-ganisation oder regionaler Winzerverband. Jeder kämpft für die Freiheit auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner. Mit zunehmendem Erfolg. Das lineare Denken des »mehr« und »besser« läßt Plastikweine entstehen, die Hirn und Sinne betäuben. Der alte Traum der Menschheit nach Beherr-schung der Natur scheint in greifbarer Nähe, die Phyton als Wächterin am heiligen Gral des Wein tödlich getroffen. Wein ist beherrschbar, Wein ist machbar, Wein ist meßbar.
Während das deutsche Weingesetz mit seinem anachronistischem Dampfmaschinendenken weiterhin auf klapprigen Öchslen reitet, haben sich auf dem Markt parallel dazu diverse Medaillen- und Bewertungssysteme nach dem Prinzip »Schulnoten für Geschmack« etabliert. International regieren heute die »Parkerpunkte«. Die Weinbewertungen von Robert Parker jun. mischen die Märkte auf und entscheiden über das Schick-sal ganzer Regionen. Aber während der amerikanische Weinjournalist und seine Mitarbeiter noch der archaischen Betätigung nachgehen, die Weine tatsächlich organoleptisch zu verkosten, ist die kalifornische Firma Enologix schon einen Schritt weiter: Hier werden die Punkte schon vergeben, bevor der Wein fertig ist. Für einen Beitrag von 500 bis 5000 $ pro Monat vertrauen immer mehr renommierte Weinproduzenten einer Datenbank mit den chemischen Parametern von über 50.000 analysierten Wei-nen, die alle mit »Parkerpunkten« kalibriert sind und damit recht genau darüber informieren, ob der Wein einmal 5 oder 100 $ kosten kann.
Der Wein ist angekommen in der moder-nen Industriegesellschaft. Die Entwicklung, die sich bei anderen Getränken wie Fruchtsaft und Bier schon vor vielen Jahren vollzog, hat den Wein erreicht. Food Design statt Vinifikation. Aber, wo ist das Problem? Wen stört’s wenn der Wein billiger wird und besser schmeckt? Was soll Maschinenstürmerpolemik im 21. Jahrhundert?
Während sich die St Georgs Chemiker in ihren Frankensteinlabors die Hände reiben, sieht es, von wenigen Ausnahmen abgese-hen, in den Weinbauregionen sehr traurig aus. Überproduktion, Preisverfall, Identitäts-krise. Kein Wunder, die meisten Weine sind ja beliebig austauschbar oder aber sie schmecken nicht marktgerecht. Längst über-schreiten Transferleistungen die Beiträge zum Bruttosozialprodukt.
Winzer degenerieren zu subventionierten Museumswächtern ihrer eigenen Weinberge. Und sobald der Fluß von Subventionsgeldern ins Stocken gerät werden Berufsschulen geschlossen und bleiben ganze Dörfer ohne Winzernachwuchs. Spitzenlagen, die vor hundert Jahren pro Quadratmeter das Äquivalent von drei Tagen qualifizierter Arbeit kosteten, sind heute nach fünfzehn Minuten verdient. Landschaftsprägende Steillagen, Teil einer über 1000 jährigen Kulturlandschaft, sind für Centbeträge zu haben, werden verschenkt, liegen brach. Mit entsprechenden Folgen für die Ökologie und für den Tourismus. Die Brombeeren auf den zuwuchernden Steillagen verdrängen Goldaster, Diptam, Felsengoldstern, Buchsbaum, Felsenahorn, Felsenkirsche und Weiße Fetthenne, alle wertvolle Teile einer einzigartigen Weinbergsflora. Sie rauben Smaragdeidechse, Schlingnatter, Segelfalter und dem noch seltener anzutreffenden Apollofalter die Lebensgrundlage. Durch die Verschandelung des Landschaftsbildes und die Verarmung der Dörfer verlieren die Weinbauregionen überdies noch den Tourismus, einen der wenigen noch profitablen Wirtschaftsbereiche.
Verwüstet wird weltweit auch eine andere Kultur, die Geschmackskultur. Getreu dem Schlachtruf der Food-Globalisierer: »Macht Kindergeschmack in der Erwachenenwelt populär!« schmecken ehemals durch faszi-nierende Mineralität verzaubernde Rieslinge, hinter adstringierender Unnahbarkeit verbor-gene Barolos und mit wilder Würze vibrierende Syrah-Weine heute immer mehr nach Fruchtsalat, Erdbeermarmelade oder Schokoladensirup. Die Strategen in den Marketingabteilungen haben es erkannt: Erwachsene haben überall auf der Welt unterschiedliche Eßkulturen und Geschmackpräferenzen. Aber alle Kinder dieser Welt mögen’s schön fruchtig und süß. Es lebe daher die Infantilisierung! Zurück in die Oral-Phase!
Ob mit Rudolf Steiners »Landwirtschaftlichem Diskurs« unter dem Arm, mit einem aufgeklärteren, modernern Ökobewusstsein, aus religiös fundierter Verantwortung vor der Schöpfung, wirtschaftlich nüchternem Kalkül oder aus Heimatliebe: Schon seit vielen Jahren regt sich der Widerstand.
Doch erst als Reaktion auf die Exzesse der letzten Jahre formierte sich weltweit die kulturell breit angelegte Gegenbewegung.
Ein Gespenst geht um. Es ist ein guter Geist. Sein Name ist Terroir.
Terroir ist Aufklärer, kein Maschinenstürmer. Niemand hat Probleme mit industriell hergestellten Weinen. Im Gegenteil. Sie sind billig und tragen zur Demokratisierung des Weins dar, in dem sie jedem den Zugang zu einem zumindest in Deutschland traditionell elitären Getränk ermöglichen. Aber so wie sich ein Poster von einem Originalgemälde, sich Kofferradio von Konzertsaal und Dieter Bohlen von Mozart unterscheidet, liegen Welten zwischen einem Industriewein und einem Terroirwein. »Nicht alles, was aus der Traube stammt und gut schmeckt, ist deswegen auch Wein.« schreibt der angesehene Weinrechtskommentator Professor Hans-Jörg Koch.
Terroir steht für Klarheit und Transparenz. Weinkultur soll nur dann auf das Etikett, wenn sie in der Flasche auch drin ist. Und wenn der Name einer Region, eines Dorfes oder gar ein Weinbergs auf der Flasche steht, darf dies nicht nur »formal« stimmen, der Wein muß den entsprechenden Charakter seiner Herkunft auch verkörpern. Gleiches gilt für Angaben wie Rebsorte und Jahrgang.
Terroir steht für einen ökologisch verantwortlichen Umgang mit der Natur, sowohl im Weinberg, wie auch im Keller, und damit für einen bewußten Verzicht auf die vielen zweifelhaften Segnungen der Moderne.
Terroir steht für Kultur und entzieht sich damit der Welt des wissenschaftlich Meßbaren. Die »objektiven Weinbeurteilungen« und Prämierungen in Blindproben haben in der Terroir-Welt keinen Platz. Michael Broadbent, Grandseigneur der Weinjournalisten formuliert so schön: »Bei Weinprämierungen denke ich immer wieder an Miss-Wahlen. Die attraktivsten und intelligentesten Mädchen bleiben zu Hause.« Viele fortschrittliche Kräfte in den Ministerien und Weinbauverbänden unterstützen die Terroirbewegung und lassen wertvolle Gedanken in ihre Konzepte einfließen. Erste Früchte reifen derzeit im VDP, dem Verband der Prädikatsweingüter. Nach der Bonitierung aller Weinberge blieben nur etwa zehn Prozent als wirkliche Terroirs übrig, für deren Bewirtschaftung und Vinifikation besondere Qualitätsparameter eingeführt wurden. Ab 2004 dürfen nur noch derart klassifizierte Weine mit dem Lagenamen ausgestattet werden. Während alle anderen Weine als Orts- oder Gutsweine vermarktet werden, kristallisiert sich aus den klassifizierten Lagen eine Spitzengruppe deutscher »grand crus« heraus, die je nach Region als »erstes Gewächs«, »großes Gewächs« oder als »erste Lage« bezeichnet werden und an einem Logo zu erkennen sind.
Die Nachfrage nach solchen Terroirweinen wächst seit Jahren kontinuierlich und alle Marktbeobachter sind sich einig, daß sie in der Gegenbewegung zu der ebenfalls zunehmenden Cocacolaisierung weiterhin steigen wird. Schon heute sichert die welt-weite Begeisterung für kulturbeseelte Weine einer wachsenden Zahl von Winzern ein ausreichendes Einkommen und läßt darüber hinaus immer mehr jungen Menschen den Winzerberuf wieder interessant erscheinen. Und mancherorts werden sogar eingestürzte Trockenmauern in mühevoller Handarbeit wieder aufgeschichtet und brachliegende Weinberge neu angelegt.
Ist Terroirweine also der Zaubertrank zur Rettung des deutschen Weinbaus? Schön wär’s. Aber die deutsche Weinlandschaft besteht leider nicht nur aus traditionellen Weinbergen. Tausende Hektare in Wirt-schaftswunderjahren bepflanzter Schwemmlandböden und Rübenäcker liefern, selbst wenn hier mit alten Reben nur noch die Hälfte geerntet werden würde, nur »just wine«. Und der steckt in der Globali-sierungsfalle. Warum sollte der mündige Bürger deutschen Wein kauften, wenn gleicher
gleicher Geschmack aus anderen Ländern viel billiger zu haben ist? Niemand kann ernsthaft erwarten, daß die steigende Reputation deutscher Terroirweine irgendwann einmal im Kielwasser dümpelnden Billigweine in die Gewinnzone zu schleppen vermag.
Anstatt viel Geld in Produktionsoptimie-rung, Marketing und Destillation zu investieren wären daher alle gut beraten, über sinn-volle Alternativen in der Flächennutzung nach zu denken: Nußbaumalleen und Parks mit Stellplätzen für Caravans, Retentionsräume für Hochwasser oder einfach nur Wiesen und Biotope. Welch’ himmlisches Szenario, wenn sich der Weinbau wieder auf seine traditionellen Weinberge zurückziehen würde.
Alle traditionellen Weinbauregionen der Welt, ob in Europa, Australien oder Süd-Afrika stehen heute vor der Frage, wie sie der Cocacolaisierung begegnen und ihr kulturelles Erbe retten können. Und es ist nicht verwunderlich, daß gerade in Kalifornien schon vor 4 Jahren der erste Terroir-Kongreß als Kampfansage an das Fast-food organisiert wurde. Überall auf der Welt werden Winzer durch die Terroirbewegung animiert, ihre Weinberge neu zu entdecken: Die unterschiedlichen Böden, das wechseln-de Mikroklima, die traditionellen Sorten, die alten, tiefwurzelnde Reben mit wenigen, aber kleinen Trauben…
Terroir animiert dazu, auf die Natur zu hö-ren, in die natürlichen Reifeprozesse des Wein zu vertrauen. So entstehen Weine, die in der Lage sind von ihrer Herkunft zu erzählen, von Granit, von Basalt und Muschelkalk, von der Asche glühender Vulkane und von Schiefersedimenten uralter Meeresböden.
Terroirweine lassen uns Teilhaben an den Finessen verschie-dener Rebsorten, am Geschmack von Regen und Trockenheit, von Hitze und Kälte und an der Arbeit und den Träumen der vielen Menschen, die sie auf ihrem Weg ins Glas begleitet haben.
Terroir ist der spannende Lernprozeß zu begreifen, daß ein guter Wein mehr ist als die wissenschaftlich darstellbare Summe von Boden, Reben, Mikroklima und menschlicher Arbeit: Ein fragiler Prozeß der Verände-rung, ein komplexes Gebilde an der Grenzfläche von Planung und Intuition, von Kontrolle und Laisser faire, von Apollo und Dionysos. Damit ist Terroir die Abkehr von der Idee der Optimierung mittels linearer Extrapolation. Die Inszenierung der Mona Lisa im Palace of Living Arts in Los Angeles, wo nicht nur auf einer Staffelei die perfekten Reproduktion des berühmten Gemäldes zu bewundern ist sondern auch ein wächserner Leonardo nebst seiner, endlich das Rätsel ob der Schönheit ihres Hinterteil lüftenden, Modell sitzenden Gioconda, wirkt lächerlich neben dem Original im Pariser Louvre.
Nicht das Perfekte, die »Fehltöne schmekken grandios«, bekennt der Tenor und Weinliebhaber Christoph Prégardien. Oftmals geradezu kubistisch anmutende Weine provozieren unsere Sinne und erlauben die Wahrnehmung ganz anderer Wirklichkeitsebenen. Terroirweine haben viel Gemeinsam mit einem Konzertbesuch. Hier »werden dem Herzensohr der Zuhörer mehr musikalische Vokabeln und eine kom-pliziertere musikalische Grammatik abverlangt. Aber sie werden dafür mit einer immens reichen Klangwelt belohnt«, sagt Anne-Sophie Mutter und spricht von einem »geheimen, fast spirituelle Band«, zwischen Interpreten und dem Publikum.
Ein guter Geist weht in der Weinwelt. Sein Name ist Terroir.
Er vereint kritische Feinschmecker, enga-gierte Winzer, vorausschauende Politiker und Naturliebhaber. Jenseits von Coca-Cola sammelt er die wachsende Gemeinde kom-promißloser Genießer zu einer spannende Reise in die Welt des authentischen und komplexen Geschmacks.